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Umbria - Vom Wrack zum Riff
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Am 10. Juni 1940 wurde vor Port Sudan ein riesiges italienisches Kriegsschiff versenkt - die Umbria. Mit ihr sanken 10.000 Tonnen Munition, 300.000 Bomben und Luftminen, Militärautos, Motorräder und 50.000 Maria-Theresien-Taler zum Meeresgrund. 1949 tauchte der Pionier der Meeresforschung, Hans Hass, am Wrack und dokumentierte den beginnenden Korallenbewuchs, weitere 30 Jahre später filmte er an denselben Stellen: Die Verwandlung zum 'künstlichen Riff' war schon deutlich vorangeschritten. 60 Jahre nach dem Untergang der Umbria präsentiert „Universum“ eine Bestandsaufnahme und zeigt, wie schnell die Meeresbewohner 'das Wrack zum Riff' gemacht haben.


Regie: Erich Pröll
Buch: Sabine Holzer
Kamera: Erich Pröll
Schnitt: Karl Königsberger, Sonja Lesowsky
Ton: Kurt Adametz
Tonmischung: Florian Camerer
Musik: Kurt Adametz

Eine Erich Pröll-Film Produktion für ORF in Zusammenarbeit mit Docstar und ZDF


Die Umbria stand zunächst im Dienst der Hamburg-Amerika Linie. Mit 155 Metern Länge und 18 Metern Breite fanden auf ihr bis zu 2.400 Passagiere Platz. Im Jahr 1935 wurde das Schiff nach Italien verkauft. Von nun an versorgte es als Truppentransporter die italienischen Kolonien in Ostafrika mit Munition und Militärfahrzeugen. Bis zu der Nacht zum 10. Juni 1940, in der das Schiff von einem britischen Kanonenboot vor Port Sudan gestellt wird.
Erst jetzt erfährt Lorenzo Muiesan, der Kapitän der Umbria, vom bevorstehenden Kriegseintritt Italiens. Nach kurzer Überlegung gibt er den Befehl zur Versenkung seines eigenen Schiffes. Unter dem Vorwand, eine Rettungsübung durchzuführen, wird das Schiff evakuiert. Als die Briten das Täuschungsmanöver bemerken, ist es bereits zu spät. Das Schiff ist verloren, die Umbria beginnt zu sinken. So verhindert die Besatzung erfolgreich, dass das Schiff mit seiner gefährlichen Fracht in Feindeshand gerät. Nur die Schiffskräne ragen heute noch aus dem Wasser und erinnern an den Tag des Untergangs. Der tiefste Punkt des Wracks liegt 38 Meter unter der Wasseroberfläche.


Zunächst war der bombenbeladene Koloss ein Fremdkörper, der Zerstörung brachte. Doch die Natur nahm den Eindringling kurzerhand in Besitz. Heute ist das Wrack von einer ungeheuren Vielfalt an Schwämmen, Korallen und Anemonen besiedelt. Hans Hass, ein Pionier der Meeresforschung, war der Erste, der die langsame Wandlung des Kriegsschiffs zum Riff dokumentierte. 1949, knapp zehn Jahre nach dem Untergang der Umbria, missachtete er das Tauchverbot vor Port Sudan und fotografierte die ersten Korallen, die den neuen Lebensraum erobert hatten.


30 Jahre später kehrte er zurück und filmte an denselben Stellen. Die Besiedlung war deutlich vorangeschritten. Weitere zwei Jahrzehnte danach sind selbst unzugängliche und direkt unter der Brandung liegende Bereiche besiedelt. Der einstige Schrotthaufen auf dem Meeresboden hat sich endgültig in einen üppigen neuen Lebensraum verwandelt.


Der Bauch der Umbria birgt noch heute einige unerforschte Geheimnisse. 50.000 Maria-Theresien-Taler sollen irgendwo versteckt lagern. Die Laderäume enthüllen jedoch vor allem eine todbringende Fracht: 360.000 Bomben mit einem Gewicht von 6.000 Tonnen und 60 Kisten mit Sprengkörpern hatte die Umbria auf ihrer letzten Reise als Nachschub für den Afrikakrieg geladen. Auf einer anderen Etage stehen drei Fiat Lunga aus den 30er Jahren nach wie vor auf ihrem Parkplatz. Der Zahn der Zeit und das Meerwasser haben ihre Spuren an den einstigen Luxusmodellen hinterlassen.


Die Artenvielfalt an der Umbria offenbart sich oft erst in der Nacht. Das Team um den Unterwasserfilmer Erich Pröll tauchte fast jede Nacht an der Umbria, um das Leben in der Dunkelheit auf Film festzuhalten. Pröll dokumentierte Korallenpolypen und Haarsterne, die nachts unablässig Plankton aus der Strömung filtern, Seeigel, die auf der Suche nach Nahrung in Scharen über das Riff ziehen, und bizarre Schnepfenmesserfische, die in großen Schwärmen Nahrung aus dem Korallensand saugen. Andere Arten wie die Papageifische halten Nachtruhe. Sie schlafen in Höhlen und Spalten versteckt oder auch nur an Korallen gelehnt und spinnen sich in einen schleimigen Kokon ein, der verhindert, dass ihr Geruch sich im Wasser ausbreitet und während des Schlafs Räuber anlockt. 'Man taucht in die absolut schwarze Tiefe hinab, bis die Scheinwerfer auf ein Riff oder ein Wrack treffen. Während des Filmens ist man so beschäftigt, dass man die Zeit fast übersieht oder auch nicht darauf achtet, ob die Räuber der Nacht, wie eben auch die Haie einen umkreisen', meint Erich Pröll.


Das Wrack der Umbria ist heute die Heimat einer komplexen Lebensgemeinschaft,und es ist nicht das einzige künstliche Riff im Roten Meer. Die Korallenriffe des Roten Meeres reichen fast bis zur Wasseroberfläche und wurden schon vielen Schiffen zum Verhängnis. Navigationsirrtümer und Riff-Fallen haben das Rote Meer zu einem Friedhof für gigantische Schiffe gemacht, die sich wie die Umbria über Jahrzehnte in Biotope verwandeln. Erich Pröll hat für diesen Film die Besonderheiten einiger dieser Wracks mit der Kamera eingefangen: Unter anderem Autos, Lastwagen und sogar Eisenbahnwaggons, die unter Wasser aufrecht auf ihren Rädern stehen und von Korallen überwuchert sind. In der Salem Express, einem Schiff, das vor acht Jahren gesunken war, drangen Pröll und sein Team weit in die Innenräume vor. Beim Untergang dieses Fährschiffs wurden an die 500 Personen tot geborgen, etwa 100 Leichen sind noch im Schiff. Ein makabrer Tauchgang. Erich Pröll besuchte auch die Reste des Unterwasserdorfs 'Precontinent II', wo der Meeresforscher Jacques Yves Cousteau Anfang der sechziger Jahre wissenschaftliche Versuche durchführte. Heute sind die Haikäfige, Schuppen und der Hangar des Tieftauchbootes, die Cousteau am Meeresgrund zurückgelassen hat, korallenbewachsen und wie die Umbria eine neue Heimat für unzählige Fische. Vor allem Haie werden von dieser Vielfalt magisch angezogen. An bestimmten strömungsreichen Plätzen an der Südspitze der Riffe Shab Rumi oder Sanganeb sind in 30 Meter Tiefe meist Rudel von Haien anzutreffen. Cousteaus Haikäfige liegen seit den sechziger Jahren vor Shab Rumi auf Grund. Damals wurden sie verwendet, um Haie ohne Gefahr filmen zu können. Für die Dokumentation über die Umbria sollte eine Gruppe von Haien über den Käfig ziehen. Da diese eleganten und schnellen Fische sehr neugierig sind, kommen sie zwar am Anfang sehr nahe an die Taucher und die Kamera heran, verlieren aber schnell das Interesse, halten sich dann in zehn, 20 Meter Entfernung auf und umkreisen die Taucher. Doch bei einem Tauchgang kamen die Haie rasend schnell herbei. Plötzlich kreisten mehr als dreißig Haie um den Käfig und Pröll. Ein kleiner Zackenbarsch sauste unglücklicherweise genau auf den Dokumentarfilmer zu und unter seinen Beinen durch in eine Korallenhöhle. Das gesamte Hairudel kreiste Pröll nun hektisch ein. Er versuchte ruhig zu bleiben und stieß die große Kamera von sich weg. Die Haie stürzten sich sofort auf die Kamera, bissen in das Gehäuse und in die Scheinwerfer. Pröll ließen sie glücklicherweise in Ruhe. Nach wenigen Sekunden beruhigte sich die Situation wieder, und die Dreharbeiten konnten fortgesetzt werden.


60 Jahre nach dem Untergang ist beinahe das gesamte Wrack zu einer neuen Behausung von Meerestieren geworden. Während die Maschinen- und Lagerräume, in denen bis heute Bomben und Kriegsmaterial gestapelt sind, hauptsächlich von Röhrenwürmern und Schwämmen besiedelt werden, die kein Licht zum Überleben brauchen, haben sich an allen Eisenteilen des Schiffs, an die Sonnenlicht dringt, Weich-, Leder- und Steinkorallen festgesetzt. Im Inneren des Schiffs jagen Zackenbarsche und Muränen, während Barrakudas, Mantas und Haie vor der gespenstischen Kulisse der Umbria patrouillieren. Muränen und Rotfeuerfische etwa zählen zu den Protagonisten des Films. Für die Muränen geben die künstlichen Höhlen zwischen den Eisenteilen ideale Schlupflöcher ab. Sie verharren oft, die hintere Körperhälfte in einer Spalte verankert, regungslos und schnappen, wenn sich unvorsichtige Fische nähern, blitzschnell zu.


Schnelligkeit macht auch den Jagderfolg der Rotfeuerfische aus. Sie treiben ihre Opfer mit ihren langen Flossenstrahlen in die Enge und saugen sie, wenn alle Fluchtwege abgeschnitten sind, in einer Viertausendstelsekunde ein. Die Rotfeuerfische, die mit mehreren Arten im Roten Meer vorkommen, zählen mit ihrer auffälligen Gestalt und Färbung zu den eindrucksvollsten Bewohnern des Riffs. Sie wagen sich auch an exponiertere Stellen als viele andere Fische, denn sie sind hochgiftig und haben keinen Feind zu fürchten. Viele Tiere gehen zum Schutz vor Feinden Symbiosen mit anderen Arten ein. Clownfische zum Beispiel leben zwischen den nesselnden Tentakeln von Anemonen. Sie selbst sind gegen das Gift der Anemonen immun, Fressfeinde hingegen würden sich an den Tentakeln verbrennen. Knallkrebse wiederum bevorzugen das Zusammenleben mit Grundeln. Während der Krebs die gemeinsame Wohnhöhle in Stand hält, wacht die Grundel am Höhleneingang und warnt ihren Partner rechtzeitig vor Gefahren.

Fotos: Copyright by ep-film

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