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Afghanistan: Die blauen Steine der Pharaonen

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Seit dreißig Jahren reist der amerikanische Edelsteinhändler und Abenteurer Gary Bowersox immer wieder in den gebirgigen Norden Afghanistans, auf der Jagd nach den legendären blauen Steinen der Pharaonen sucht er nach den ältesten Edelsteinminen der Welt. Sie liegen 5000 Meter über dem Meer in den Hochtälern des Hindukusch. Seit 6500 Jahren werden dort Lapislazuli und andere Edelsteine geschürft.


Buch & Regie: Paul Reddish
Kamera: Ian McCarthy
Schnitt: Rob Harrington
Ton: Joe Knauer
Tonschnitt: Angela Groves
Tonmischung: Chris Domaille
Musik: Kurt Adametz

Eine Free Spirit Films & epo-film Produktion für ORF in Zusammenarbeit mit Docstar, ZDF und bm:bwk



Lapislazuli war das Kostbarste, was die alten Ägypter besaßen und ihren Pharaonen auf die Reise in das Jenseits mitgaben. Mit Gold aufgewogen und meist in Gold gefasst, symbolisierte sein tiefes Blau die Unendlichkeit des Universums und königliche Würde. Woher dieser Stein kam, blieb jedoch lange ein streng gehütetes Geheimnis.


Blaue Steine waren das Symbol für das unermessliche Blau des Himmels, für Ferne, für die Sehnsucht des Menschen nach dem Göttlichen. Gegenstände aus Lapislazuli wurden schon in sumerischen Gräbern gefunden, Tut-Ench-Amun und Kleopatra wussten den Stein ebenfalls zu schätzen. Gary Bowersox zählt zu den modernen Lapislazulibesessenen. Sein Traum war es, zu den Minen vorzudringen, aus denen schon die Steine der Pharaonen stammten.Die blauen Steine der Pharaonen
Kleopatra nutzte die Farbkraft des Lapislazuli für ihre Kosmetik, Alexander der Große dagegen seine finanzielle Kraft, durch die er Verbündete erkaufte. In der Antike war der Stein hochgeschätzt. Vor Tausenden von Jahren war der Herrscher von Ur in Mesopotamien der Auftraggeber für ein Spielbrett, in dem Lapislazuli eingelegt war. Es wurde in den Königsgräbern von Ur gefunden, zusammen mit vielen anderen prächtigen Gegenständen aus Lapislazuli und Gold. Es wurde vermutlich in Afghanistan hergestellt. Schmuck aus Lapislazuli und Gold wird bereits in der ältesten sumerischen Quelle, dem Epos 'Enmerkar und der Herr von Aratta', erwähnt. Der Dichter weiß auch vom Ursprung des Geschmeides zu berichten, einem 'Gebirge von glänzendem Lapislazuli'. Einer sumerischen Hymne zufolge wurde der 'blaue Berg' in grauer Vorzeit dem Gott Martu übereignet. Zu den berühmtesten Werken aus Lapis gehört der 'Widder im Dickicht'. Die Regenten der mesopotamischen Städte ließen Lapislazuli in großem Stil aus Afghanistan importieren. Iranische Völker fungierten mit großer Wahrscheinlichkeit als Zwischenhändler. Sumerische Quellen enthalten immer wieder Lehnwörter, die diesen Schluss nahe legen. Aber nicht nur durch friedliche Handelsbeziehungen verschaffte sich Mesopotamien die begehrten Schätze. Die 'Standarte von Ur', ein Holzkasten mit Lapisverkleidung, zeigt einen Feldzug des Königs.



Der Abbau in der Antike
In der Antike hatte man eine gefährliche Methode, Lapislazuli abzubauen. Man heizte den Fels auf, dann kühlte man ihn mit einem Schwall kalten Wassers blitzartig ab. Der Temperaturunterschied sprengte den Stein ab. Damals müssen die Arbeitsbedingungen sehr unmenschlich gewesen sein. Das Feuer verschlang viel Sauerstoff, trotzdem musste der kalte Guss von einem Arbeiter aus direkter Nähe durchgeführt werden. Wie viele Männer an Kohlenmonoxidvergiftung starben oder von herumgeschleuderten Gesteinsbrocken getroffen wurden, kann niemand erahnen.Endverbraucher Kleopatra
Der Hindukush war schon zur Zeit der Ägypter Umschlagplatz für Lasttiere und Waren. Vom antiken Afghanistan, das man damals 'Ariana', Land der Arier, nannte, sollen iranische Händler solche Etappen in regelmäßigen Abständen über den Ostiran bis zu den Zielorten an Euphrat, Tigris und Nil eingerichtet haben. Die berühmteste Lapis-Konsumentin war vermutlich Kleopatra. In einem mühevollen Prozess stellten ihre Diener aus dem heiligen Stein ein tiefblaues Pulver her. Die Monarchin, die für ihren guten Geschmack und ihre betörende Schönheit berühmt war, soll das begehrte Mineral einem neuen Verwendungszweck zugeführt haben. Sie benutzte Lapisstaub in Öl, um ihr unvergleichbares Augenmake-up aufzutragen. Damit erfand sie vermutlich keine neue Mode, sondern folgte einer sehr alten Tradition. Zusammen mit Gold schmückte der tiefblaue Edelstein die Insignien vieler Pharaonen, denn Priester und Gelehrte sahen im Lapislazuli die göttliche Farbe des Himmels. Das bekannteste Beispiel dieser königlichen Kombination ist die Totenmaske des Tut-Ench-Amun. Auffällig ist auch bei ihm der Lidstrich aus Lapis.



Teurer als Gold
Die Lapislazuli-Vorkommen in Afghanistan waren auch Marco Polo bekannt. Im Mittelalter war das aus Lapislazuli gewonnene Ultramarin ein gefragter Farbstoff. Marco Polo durchquerte im Jahr 1272 in Begleitung seines Vaters und seines Onkels Afghanistan. Die Polos, eine venezianische Händlerfamilie, standen allesamt im Dienst des mongolischen Herrschers Kublai Khan. Marco Polo konnte ein volles Jahr seinen Verpflichtungen gegenüber seinem Herrn nicht nachkommen, weil er sich im Hindukusch von einer schweren Krankheit erholen musste. Er schrieb in seinem berühmten Reisebericht 'Milione' über diese Gegend: 'Die Luft in jener Bergeshöhe ist rein und gesund. Wenn daher die Leute in den nahen Tälern von irgendeinem Fieber gepackt werden, suchen sie Ruhe in den Bergen; ihre Krankheit klingt ab, und sie werden wieder gesund.' Bei der Überquerung des Hindukush stellte er fest, dass durch die dünne Luft das Feuer nicht heiß genug wurde, um das Essen richtig zuzubereiten.
Lapislazuli von allerbester Qualität
'Auf einem Berg dieses Landes' schrieb Polo, 'findet man Lapislazuli von allerbester Qualität.' Offenbar wusste der Venezianer von den Edelsteinvorkommen auf den entlegenen Gipfeln Afghanistans. Die Minen beschreibt er allerdings nicht in seinen Aufzeichnungen. Obwohl er sich lange im Norden des Landes aufgehalten hatte, scheint er sie nie besucht zu haben. Neuere Forschungen ziehen die Reisen Polos bis nach China ohnehin in Zweifel und lassen nur den ersten Teil seines Berichts als Augenzeugenbericht gelten. Nach seiner eigenen Schilderung reiste er bis nach China weiter und kehrte erst 1295 nach Europa zurück.



Tiefblaue Malerei
In Mittelalter und Renaissance wies der christliche Glaube den Weg zu den blauen Steinen. Das Blau des Lapislazuli wurde für die Malerei entdeckt. Vor allem der Mantel der Maria erstrahlte in dem prächtigen, intensiven Ton. Auch für Buchmalerei wurde das Lapispigment Ultramarin verwendet: 'Ultra mare', über das Meer, kam der teure Farbstoff seit dem frühen Mittelalter von Afghanistan nach Europa. Zu Michelangelos Zeiten war Ultramarin teurer als Gold. Er nutzte es für seine berühmten Fresken auf der Altarwand und Decke der Sixtinischen Kapelle. Um sich nicht zu ruinieren, ließen sich die Maler die blaue Farbe von ihren Auftraggebern stellen.Die Herstellung
Das blaue Gold war schwierig herzustellen und erforderte viel Zeit und Geschick. Zermahlen und gereinigt, muss der blaue Staub tagelang in klarem Wasser ausgewaschen werden. Der Ertrag ist gering: Ein Kilogramm Stein ergibt nach einer Behandlungszeit von einem halben Jahr lediglich 40 Gramm Ultramarin. Bis in die Moderne blieb es ein besonders wertvolles Pigment, denn alle natürlichen blauen Farbstoffe verblassen unter Lichteinwirkung. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert ist Lapislazuli für die moderne Farbherstellung ohne Bedeutung, denn chemisch produzierte Pigmente übernahmen seine Rolle. Künstler wie Van Gogh machten exzessiven Gebrauch von den neuen Chemiefarben.Der Beginn der Expedition
Im Juli 2001 bereitete der texanische Edelsteinhändler Gary Bowersox in dem pakistanischen Ort Peschawar seine dreißigste Expedition nach Afghanistan vor. Auf dem Salzmarkt von Peschawar, dem Namak Mandi, wird seit Menschengedenken mit Waren aller Art gehandelt, auch mit Edelsteinen. Peschawar ist nicht nur Umschlagplatz für Rohlapislazuli, hier werden die Himmelssteine auch seit Urzeiten zu Gebrauchsgegenständen und Kunstwerken verarbeitet. Diese Filigranarbeit erfordert höchste Konzentration. Ein bis zwei Dollar verdienen Steinschneider und Schleifer; der Wert des Minerals wird durch ihre Arbeit um ein Vielfaches gesteigert.



In den geheimen Lagern der Händler
Bei den Händlern in den stillen Seitengassen geht es diskret zu. Nicht jeder erhält Zutritt zu den Horten des heiligen Steins. Wer jedoch zu den Auserwählten gehört, dem tun sich wahre Schatzkammern auf. Bowersox gehört seit einigen Jahren zum erlauchten Kreis und wird durch eine Reihe von Kellern zu einem geheimen Lager, einer Mischung aus Bunker und Aladins Höhle, geführt. In diesen Kellern sind 18 Tonnen Lapislazuli im Wert von 18 bis 90 Millionen Euro aufgetürmt, ein unfassbares Vermögen.



Königsblaue Steine
Selbst für Gary, der sämtliche Lapisvorkommen der Welt kennt, ist die Qualität der afghanischen Steine immer wieder überraschend. Während die chilenischen und russischen Funde meist durch Kalk verunreinigt sind, trübt nichts das fein verteilte Königsblau dieser Exemplare. Pyriteinschlüsse funkeln wie Sterne auf diesem steinernen Nachthimmel. Um einen Eindruck von der Farbe im geschliffenen Zustand zu erhalten, werden die Brocken von Staub gereinigt und angefeuchtet. Seit Jahrtausenden prüfen die Händler Pakistans auf diese Weise die Güte der wertvollen Mineralien und entscheiden über den weiteren Verwendungszweck.An den Grenzposten vorbei
Lala's Grill, einem Lokal, in dem bevorzugt Agenten und Spione verkehren, traf Bowersox sich mit seinem Führer, dem Afghanen Khudai Nazar Akbari, der über die Jahre der Zusammenarbeit ein Freund geworden war. Vor allem während der russischen Besatzung von 1979 bis 1989 war das Lokal eine regelrechte Drehscheibe der Geheimdienste. Dann planten die beiden die Expedition. Da sie den Kontrollen entgehen wollten, mussten sie sich teilweise abseits der Straßen durch ein Gebiet bewegen, in dem noch immer Millionen russischer Minen liegen. Die direkte Verbindung, der Khyber-Pass, war zu gefährlich, denn im Juli 2001 herrschten im Süden des Landes noch die Taliban. Gary plante stattdessen weiter nach Norden in die pakistanische Grenzstadt Chitral zu fahren und von dort aus in das Gebiet der afghanischen Nordallianz einzureisen.



Handel wie seit Urzeiten
Chitral ist seit Jahrhunderten ein strategisch wichtiger Punkt. Von hier aus lässt sich eine der ältesten Handelsrouten von Asien nach Europa kontrollieren. Auf dem Bazar versammeln sich wie seit Urzeiten Tadschiken, Mongolen, Paschtunen, Pakistani und Kaukasier. Auch hier ist der Handel mit dem begehrten Stein, dessen Name sich aus 'lapis', lateinisch für Stein, und 'azul', arabisch für Himmel, zusammensetzt, allgegenwärtig. Die Fahrt von Chitral bis zu den ersten Grenzposten bei Shasidim dauerte sechs zermürbende Stunden. Khudai fuhr voraus, um den Grenzübertritt vorzubereiten und Gary umging im Mondlicht auf abenteuerlichen Pfaden die Posten mit Hilfe eines ortskundigen Führers. Auf den Passhöhen ist es auch im Sommer eiskalt und die Luft dünn. Der Weg zu den Minen führt durch eine trostlose Einöde. Die eigentliche Grenze liegt erst fünf Marschstunden hinter dem letzten Grenzposten auf einer Passhöhe. Bis dorthin sind 1.500 Höhenmeter zu überwinden. Der Aufstieg ist schwierig, steil und in der Finsternis halsbrecherisch. Bei einer früheren Expedition strauchelte Garys Pferd und begrub ihn unter sich. Wie durch ein Wunder überlebten sowohl er als auch sein Reittier. Gary und Khudai nahmen den Dorapass, über den in jüngster Zeit vor allem Waffen für die Kämpfer der Nordallianz transportiert wurden. Der Pfad gehört wahrscheinlich zu einer vorgeschichtlichen Handelsroute, auf der einst Kupfer und Edelsteine, später auch Seide transportiert wurden. Seit mehr als 7000 Jahren ziehen Händler mit ihren Karawanen durch die schmalen Täler Afghanistans. Gary Bowersox war wie Hunderttausende vor ihm gezwungen, sich auf prähistorischen Pfaden mit Pferden vorwärts zu bewegen.



Über den Hindukush
Die nächste Etappe der Reise hieß Escarza. Auf dem Weg dorthin verschmilzt der alte Handelspfad mit der berühmten Seidenstraße. Der Ritt über den Hindukusch erfordert äußerste Anstrengung. Der Name des Massivs stammt aus dem Persischen und bedeutet: 'Indisches Gebirge'. In dieser Bergwüste, deren höchster Gipfel fast 7.700 Meter aufragt, ist die Luft arm an Sauerstoff und selbst im Hochsommer schneidend kalt. Auf der Seidenstraße, der alten Transkontinentalroute, die China mit Europa verband, folgte Gary den längst verwischten Spuren zahl- und namenloser Reisender. Eine große Gefahr geht heute von den Tretminen aus. Noch immer sind ganze Hänge mit den gefährlichen Explosionskörpern übersäht. Deshalb achtet jeder Reiter ganz genau darauf, nicht von den ausgetretenen Pfaden abzukommen.



Einöde
Die Gegend ist trostlos und Übernachtungsmöglichkeiten gibt es kaum. Selbst die traditionellen Teehäuser, die Tschaikanas, existieren nicht mehr. Fast alle Bewohner dieser Region flohen vor der russischen Armee aus Afghanistan. Escarza, das Gary und Khudai nach weiteren harten Tagesmärschen erreichten, war einstmals ein blühendes Dorf, bis es die Sowjets zu Schutt und Asche bombten. Allmählich bauen die Bewohner ihre Häuser wieder auf. In dieser straßenlosen Gegend ist die Schmiede eine der wichtigsten Institutionen eines Dorfes. Pferde müssen regelmäßig neu beschlagen werden. Auf den schmalen, steinigen Pfaden kann ein loses Hufeisen die ganze Karawane aufhalten und den Verlust von Waren oder gar Menschenleben bedeuten. Escarza ist ein wichtiger Kreuzungspunkt in Afghanistan. Die Lapis-Minen liegen weiter nach Norden, nach Sar-e-Sang, wo das Terrain zunehmend extremer wird und so gut wie nichts mehr wächst. Die Grate werden immer höher und die Hänge steiler.



Minen der Pharaonen
Schließlich kommen die Minen in Sicht, 'das reine, das glänzende Gebirge aus Lapislazuli'. Der Aufstieg zur Mine zieht sich über weitere 1000 Höhenmeter und ist äußerst steil. Aber dann hat Gary die Minen der Pharaonen erreicht, die kaum ein westliches Auge je erblickte. Seine Suche nach dem Ursprung des heiligen Steins der Ägypter fand damit ein Ende, nach dem lebensspendenden Juwel, das in der Antike aus Afghanistan nach Ägypten importiert wurde und die Herrscherinsignien, Amulette und Sarkophage schmückte.



Fotos: Copyright by Free Spirit Films

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