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Flucht ins Ungewisse

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Über Nacht waren sie vogelfrei, befanden sich in Lebensgefahr, wurden ihres Vermögens beraubt. Über Nacht wird Österreich, das bisher auch aus Deutschland geflohenen Juden Schutz bot und Einwanderungsland war, zur bedrohlichen Fremde. 130.000 jüdische Bürger und politisch Andersdenkende überlebten den Terror und die Verfolgung des Nationalsozialismus nur, weil ihnen nach dem 'Anschluss' Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 die Flucht gelang.


Buch & Regie: Robert Gokl und Tom Matzek
Kamera: Christian Mehofer, Martin Schmachtel
Ton: Günther Tuppinger
Schnitt: Günter Stöger
Tonmischung: Stefan K. Fiedler
Musik: Kurt Adametz

Eine Koproduktion von ORF und Lhotsky-Film mit Unterstützung des 'Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus' und des 'Zukunftsfonds der Republik Österreich'


Am Beispiel von vier Lebensgeschichten auf vier Kontinenten beschreibt die Dokumentation den gefährlichen, schwierigen und abenteuerlichen Lebensweg vertriebener Österreicherinnen und Österreicher.


Die Ausreise aus einem feindlichen Land, das zuvor Heimat war, wurde zu einer Flucht ins Ungewisse. Jene die flüchten konnten - ohnehin die glücklichen unter den vom NS-Terror Verfolgten - erlebten eine monatelange, manchmal jahrelange Odyssee, eine gefährliche Flucht von Land zu Land, in Europa verfolgt von einer Wehrmacht, die unbesiegbar schien.


Dort, wo sie letztlich strandeten, fanden sie meist kein gelobtes Land, sondern eine fremde Welt mit nicht immer gastfreundlichen Menschen. Der Überlebenskampf im erzwungenen Exil, der Aufbau einer neuen Existenz gelang nur durch enorme Anstrengung, Entbehrung, doppelten Fleiß und Improvisationstalent.


Viele scheiterten. Meist die ältere Generation. Was ihr nicht gelang, schafften Kinder und Enkel. Doch ob erfolgreicher Neubeginn oder nicht: Für die meisten blieb die Entwurzelung, der Heimat- und Kulturverlust ein lebenslanges Trauma.

'Auswandern ist eine sehr schwere Sache, besonders als Kind. Ohne Geld, ohne Gepäck, ohne Familie – ich war einfach nichts.'


Lieselotte Laub musste die Bedrohung durch die Nazis als zwölfjähriges Mädchen am eigenen Leib erfahren. Sie und ihre Eltern flüchteten vor dem Novemberpogrom – getrennt. Während die Eltern nach Shanghai gingen, kam Lieselotte Laub nach Palästina.


In Palästina ist die Lage dramatisch. Um den arabischen Bevölkerungsteil nicht zu provozieren, beschränkt die englische Verwaltung die Einreisebewilligungen. Nur ein Teil der Flüchtlinge hat die Möglichkeit, legal einzureisen. Die andern kommen illegal.


Allein, ohne Besitz fand sie sich wieder in einem Kriegsgebiet: täglich gab es blutige Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern – ein Ausnahmezustand, der sie ihr Leben lang begleitet.


Lieselotte Laub lebt heute noch in einem Kibbutz in Israel.

„Das schwierigste für mich war, meinen Platz in einer fremden Gesellschaft zu finden. Das Leben, das wir gezwungen waren zu führen, hat mich total verunsichert.“


Doris Ehrenstein flüchtete mit ihrer Mutter. Ziel war zunächst Frankreich. Doch schon bald, mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, war die deutsche Wehrmacht den beiden wieder auf den Fersen.


Noch einmal flohen Mutter und Tochter vor den Nazis, nach England. Doch auch dort holte sie bald Hitlers Bombenkrieg ein. Verfolgt von deutschen U-Booten kam ihr Schiff schließlich nach Südafrika.


In der harten Kolonial-Gesellschaft, die Südafrika Anfang der 40er Jahre prägt, fällt es Doris schwer, sich heimisch zu fühlen. Auch wenn sie als Weiße zur privilegierten Gesellschaftsgruppe gehört, haben sie Vertreibung und jahrelange Flucht tief verunsichert. Verständnis für ihr persönliches Trauma findet sie lange keines.


Dem Rassenwahn der Nazis entkommen, erlebte sie über Jahrzehnte den Rassenwahn der Apartheid – nicht als Opfer, aber mit Unbehagen.


Die 80jährige Doris Ehrenstein lebt im südafrikanischen Johannesburg.

„Wir sind von einem Land, in dem wir verachtet wurden, in ein Land gekommen, in dem man uns geachtet hat.“


Erwin Sensel ist heute 100 Jahre alt und einer der ältesten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung.


Aufgewachsen in der einzigen jüdischen Familie in Kindberg in der Steiermark konnte er Europa auf einem Schiff nach Barbados verlassen, gemeinsam mit mehr als 150 jüdischen Flüchtlingen aus Österreich.


In Barbados aber durfte niemand von Bord. Nach einer Odyssee durch die Karibik landeten Sensel und die anderen schließlich in Venezuela und bauten dort eine kleine jüdisch-österreichische Emigranten-Gemeinde auf.


Sensels Ehefrau konnte zwei Jahre später nachkommen. Ihre Flucht führte über Berlin, Moskau, Tokio, Honolulu, San Francisco und schließlich von New Youk nach La Gueira, Caracas.


Obwohl Erwin Sensel das Visum für die Ausreise und das Geld für die Freilassung seiner Angehörigen aufbringen konnte, zog es das Nazi-Regime vor, seine Eltern und seine Schwester zu töten.


Erwin Sensel lebt seit 1939 in Caracas, Venezuela, in Lateinamerika.

„Ich habe jüdische Wurzeln und katholische Wurzeln und italienische Wurzeln. Und ich schäme mich für nichts davon. Ich bin, wer ich bin!“


Harry Weils Familie lebte in Hohenems, Vorarlberg –bis 1938 sein Onkel Louis nach Dachau deportiert und dort ermordet wurde.


Über die Schweiz flüchteten seine Eltern mit ihrem achtjährigen Sohn in die Vereinigten Staaten, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen.


Als die Familie nach Kriegsende unbedingt nach Hohenems zurückkehren wollte, scheiterten alle Bemühungen um Restitution am Widerstand der österreichischen Behörden. Harry Weils Vater resigniert vor Ignoranz und Bürokratie. Er bleibt in Chicago.


Aber er behält eine starke Beziehung zu seiner Heimat und beginnt in den Nachkriegsjahren mit dem Import von Vorarlberger Schmelzkäse in die Vereinigten Staaten. 1965 erhält Harry Weil senior für seine Verdienste um die österreichische Wirtschaft das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Nach seinem Tod wird Harry Weil senior auf dem jüdischen Friedhof von Hohenems bestattet, neben seinem Bruder Louis, der in Dachau umgekommen war.


Harry Weil junior lebt heute mit seiner Familie in Albuquerque, USA.

Während die einen nach Südafrika, Venezuela, Amerika und Israel flüchten konnten, hofften andere, oft die Verwandten der Vertriebenen, auf Beruhigung der Lage. Ihre Verwurzelung und ihr Glaube an Österreich war so stark war, dass sie Hitler für einen schnell vorübergehende Episode hielten. Es war ein Irrglaube: Sie fielen dem Holocaust zum Opfer.

Fotos: Copyright by Lhotsky Film

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