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Hanna Reitsch

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Hitlers Fliegerin

Für manche ist sie die beste Pilotin aller Zeiten. Für manche ist sie nichts als ein Nazi. Aber wer ist Hanna Reitsch tatsächlich?. Ihre Nibelungentreue zum NS-Regime steht neben ihren Verdiensten für die Fliegerei. Sie ist Heldin und tragische Figur gleichzeitig. Es ist die Geschichte einer Frau mit dem Traum vom Fliegen, von einer Leidenschaft, die alle Zweifel verstummen lässt, von Leugnung und Selbstbetrug.


Regie: Gerhard Jelinek
Koregie und Buch: Fritz Kalteis
Kamera: Franz Riess
Flugaufnahmen: Jürgen Moors, Fritz Erjautz
Schnitt: Günter Stöger
Animatics: Oliver Strassl/Apollon Pictures
Ton: Hans Schranz, Alexander Zechmeister
Kostüm & Ausstattung: Markus Kuscher
Maske: Gerda Fischer, Saghy Apou Harb Sumaya
Sounddesign: Mike Plöderl
Mischung: Christian Rosenauer
Musik: Kurt Adametz

Eine Koproduktion von Interspot Film und ORF in Zusammenarbeit mit Metafilm und ORF-Enterprise, gefördert vom Fernsehfonds Austria und Filmfonds Wien


Hanna Reitsch wird im März 1912 in der schlesischen Kleinstadt Hirschberg am Fuße des Riesengebirges geboren. Der Vater Wilhelm ist Augenarzt, die Mutter Emy Helf-Hiebler von Alpheim stammt aus Tiroler Landadel. Die strenge Erziehung zielt auf Ehre, Treue und pflichterfüllung ab, ist fast puritanisch, aber mit katholischem Hintergrund.


Segelfliegen ist in der Zwischenkriegszeit der Sport der Patrioten. Durch die Versailler Friedensverträge musste Deutschland alle Militärflugzeuge abliefern, seine Fliegertruppen auflösen und die Flugzeugproduktion einstellen. Aber auf die Segelflieger hatten die alliierten Politiker vergessen. Tausende strömen zu den Rhönwettbewerben auf der Wasserkuppe – darunter auch der flugbegeisterte Prinz Heinrich von Preussen.


Im Herbst 1931 beginnt für Hanna Reitsch das Fliegerleben. Da ist sie eine schmächtige, junge Frau von 19 Jahren, kaum groß genug, um aus dem Cockpit zu sehen. Die männlichen Kollegen machen sich über Hanna Reitsch lustig. Bis zu ihrem ersten Alleinflug: Auf Anhieb stellt sie einen Frauenweltrekord auf.


Zwar beginnt sie ein Medizinstudium, will aber den Traum vom Fliegen als Beruf nicht aufgeben. Sie nimmt an Forschungs- und Vorführungsreisen nach Südamerika teil. Und sie träumt davon, sich als verkappte Militärfliegerin für das Vaterland einsetzen zu können.


Ihr Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. Am August Euler Flugplatz im Darmstadter Vorort Griesheim bezieht die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug Quartier. Noch heute untersucht die TU Darmstadt an diesem Standort die Aerodynamik von Flugzeugen. Die DFS profitiert von der Aufbruchsstimmung in der Deutschen Luftfahrt. Und das Militär profitierte immer mehr von der wissenschaftlichen Forschung, an der jetzt auch Hanna Reitsch mitarbeitet.


Hanna Reitsch muss sich geben wie ein Mann. Nicht herausstechen ist die Devise – durchaus auch körperlich. Als Belohnung für ihre Leistungen bei der DFS bekommt Reitsch die Erlaubnis, die Verkehrsfliegerschule Stettin zu besuchen.


Reitsch war eine von wenigen – aber nicht die einzige Frau im Cockpit eines Flugzeuges. Lisl Bach etwa hatte als Kunstfliegerin ihre Nische gefunden. Doch nur eine weitere Pilotin war im selben Feld wie Hanna Reitsch tätig: Melitta Schiller. Beide haben in Hirschberg fliegen gelernt, beide arbeiten als Testpilotinnen.


In einem Staat der die Frau auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduzierte, passten beruflich selbständige, unabhängige Frauen nicht so recht ins Konzept. Auf der anderen Seite waren Fliegerinnen sportlich, kämpferisch und für ihr Vaterland engagiert, sie setzten sich bewusst für größere Ziele ein, sie appellierten an etwas, das die Nazi-Ideologie durchaus versuchte, als Rollenbild zu verkaufen.


Hanna Reitsch passt diesbezüglich gut ins Konzept. Als sie 1937 als erste Frau in einem Segelflugzeug die Alpen überquert hat Deutschland hat eine neue Heldin. Hitler ernennt Reitsch als erste Frau weltweit zum Flugkapitän.


Oberst Ernst Udet ist Reitschs wichtigster Forderer. In den 30 Jahren ein Filmstar und bekannter Kunstflieger, stieg er in Hitlers Luftwaffe zum Generalluftzeugmeister auf. Dort wurde er zum Befehlsempfänger von Herman Göring, gefangen in der Nazi-Bürokratie.


Ernst Udet steht am Heck, als Hanna Reitsch als erste Frau den ersten funktionsfähigen Hubschrauber der Welt, den Focke Wulf FW 61 fliegt. In den zwei folgenden zwei Wochen wird Hanna Reitsch den Helikopter täglich vorführen – vor 18 000 Zusehern in der geschlossenen Deutschlandhalle, wo der kleinste Fehler zur Katastrophe geführt hätte. Hanna Reitsch wird zum Star.


Am ersten September 1939 wird aus der Testfliegerei bitterer Ernst. Deutschland marschiert in Polen ein – der zweite Weltkrieg beginnt. Die deutsche Luftwaffe ist von Anfang an drückend überlegen. Reitsch bedauert den Kriegsausbruch, setzt ihre Forschungsarbeit aber fort. Im weiteren Kriegsverlauf testet Reitsch Überschall- und Raketenflugzeuge, sie arbeitet an der Entwicklung von Geheimwaffen mit und will den Krieg mit Kamikazeflügen entscheiden.


1942 fliegen alliierte Bomberverbände Angriffe gegen deutsche Städte. Die neuen Raketenmaschinen von Messerschmitt sollen die Mustang und Spitfire der Engländer und der Amerikaner bekämpfen und den Luftkrieg wenden. Das Flugzeug ist eine Revolution: es erreicht beinahe Schallgeschwindigkeit. Getestet werden die Maschinen in Peenemünde von einer zierlichen Frau. Hanna Reitsch ist die führende Testpilotin der deutschen Luftwaffe: eine Zivilperson, eine Frau, und kein Mitglied der NSDAP.


April 1945. Das Tausendjährige Reich liegt in den letzten Zügen. Berlin ist von russischen Truppen praktisch umstellt. Wer noch kann, flieht aus der Stadt. Die Infrastruktur ist praktisch zerstört.


Dennoch wird 26. April 1945 gegen 17 Uhr am Flugfeld Gatow bei Potsdam eine Maschine startklar gemacht. Generalloberst Ritter von Greim hat den Befehl, unverzüglich persönlich bei Hitler im Führerbunker erscheinen. Es gibt nur eine Person, die den Luftraum über dem umstellten Berlin so gut kennt, dass diese Mission gelingen kann: Hanna Reitsch, Deutschlands berühmteste Testpilotin.


Der Flug mitten durch russischen Beschuss ins eingeschlossene Berlin zu Hitler in den Führerbunker
wird Hanna Reitsch das Stigma der Nazifliegerin bescheren, den sie nie wieder los wird. Sie verbringt 3 Tage im engsten Kreis des Führers und verlässt den Bunker auf Befehl Hitlers kurze Zeit vor seinem Selbstmord.


Reitsch benutzte Hitler – und er benutze sie. Hanna Reitsch brach alle Rekorde des Flugsports. Sie wurde zum Star der NS-Propaganda. Sie ließ sich von einem Regime unterstützen, an das sie bis zu ihrem Tod glaubte. Nach Hitlers Tod saß sie bald wieder im Cockpit. In ihrer Heimat als Nazifliegerin gebrandmarkt, flog sie Nehru in Indien. Kennedy empfing sie im Weißen Haus.


Hanna Reitsch schaffte es als Frau ins Herz der Rüstungsforschung und bis in Hitlers engsten Kreis vorzudringen – und blieb dennoch immer eine Außenseiterin. Reitschs Charakter scheint ambivalent: Ihre Kritik an Judenverfolgung und Rassenwahn steht neben dem bedingungslosen Einsatz für Nazideutschland – bis zum bitteren Ende und darüber hinaus – Hanna Reitsch hat sich nie glaubhaft vom Nationalsozialismus distanziert.


Sie selbst sah sich immer als unpolitisch. 1974 wird sie österreichische Staatsbürgerin – mit Deutschland blieb sie bis zu ihrem überraschenden Tod unversöhnt. Je nachdem, wen man befragt, war Hanna Reitsch entweder eine ungeheuer mutige Versuchsfliegerin, die noch heute einige Rekorde hält und wohl die begabteste Segelfliegerin aller Zeiten ist.


Und wenn man andere befragt, war Hanna eine fanatische Vertreterin des Dritten Reichs, die sich mit den Machthabern identifiziert hat, die die Politik des Dritten Reichs zu ihrem eigenen Vorteil manipuliert hat und nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Mitschuld am Dritten Reich geleugnet hat. Die Pole zwischen den beiden Ansichten sind zu groß und zu unübersichtlich, dass es beinahe scheint, als ob hier eine der letzten Fronten des Zweiten Weltkriegs verläuft.


Im Juni 1978, ein Jahr vor ihrem Tod, ist Hanna Reitsch auf ihrem letzten Flug über die Alpen. Im Alter von 66 Jahren strebt sie eine letzte Bestleistung an – sie möchte so weit fliegen wie keine andere Segelfliegerin zuvor.


Vor Sonnenuntergang landet sie am Ausgangspunkt ihrer Flugreise. 715 Kilometer hat sie an jenem Tag in ihrem Flieger zurückgelegt – ein neuer Weltrekord.

Fotos: Copyright by ORF

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