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Die Ungehorsahmen

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Vaterlandsverräter, Feiglinge, Kameradenschweine. Jahrzehntelang wurden sie so bezeichnet. Deshalb schwiegen sie. Erzählten nicht ihre Geschichte, erklärten nicht ihre Beweggründe. Selbst in der Familie waren ihre Kriegserlebnisse tabu. Die gesellschaftliche Ächtung hat ihr Leben geprägt – bis heute.


Buch und Regie: Peter Liska
Kamera: Ralf Rabenstein, Thomas Gerhartl
Ton: Michael Hensel
Schnitt: Frank Huzij
Tonmischung: Florian Camerer
Musik: Kurt Adametz

Eine Produktion des ORF


„Als Soldat kann man sterben, als Deserteur muss man sterben“, schrieb Adolf Hitler in „Mein Kampf“. Zigtausende Todesurteile wurden durch die NS-Militärjustiz ausgesprochen, von Recht war keine Rede, jeder der sich dem Gleichschritt widersetzte, der seinen Eid auf den Führer brach, wurde rigoros verfolgt.


Nur ganz wenige überlebten. Es gab unterschiedliche Motive für die Desertion. Viele entzogen sich der Deutschen Wehrmacht, einer für sie fremden Armee, weil sie nicht mehr mitmachen wollten. Aus politischer Überzeugung, aus Gewissensgründen oder schlicht aus Kriegsmüdigkeit und Heimweh. Es sind unglaubliche Lebensgeschichten, jede von ihnen könnte Bücher füllen.


August Weiss, überzeugter Katholik, Vorarlberger, beging schon früh Fahnenflucht und kam in ein sogenanntes Wehrmachts-KZ in Norddeutschland. Vernichtung durch Arbeit war dort die Devise. Er magerte auf 33 Kilogramm ab. Dann meldete sich der überzeugte Antimilitarist für ein Bewährungsbataillon.


Er wollte nur Eines: Überleben – und den verhassten Nationalsozialismus untergehen sehen. Fronteinsatz bei diversen Himmelfahrtskommandos, mehrmalige Verwundung, Kriegsgefangenschaft. Dennoch – für viele blieb er ein Verräter.


Johann Maxwald, Bauer in Oberösterreich, wählte die Form der Selbstverstümmelung, um sich der Deutschen Wehrmacht zu entziehen. Er wollte mit den Verbrechen, die er sah, nichts mehr zu tun haben.


Franz Najemnik, Kärntner, schon früh in Gestapo-Haft, verschwand in die Wälder und überlebte den letzten Kriegswinter in einem selbstgegrabenen kleinen Stollen auf einer Alm bei Lienz. Seine Schwester versorgte ihn alle drei Wochen mit ein wenig Brot und Speck.


Richard Wadani lief direkt an der Front über, unbewaffnet, mit einem kleinen weißen Tuch. In britischer Uniform kam er nach Wien zurück – nicht als Befreier, als Vaterlandsverräter wurde er empfangen.


Friedrich Cerha, zeitgenössischer Komponist, schlug sich gegen Kriegsende zu Fuß bis in die Tiroler Berge durch. Er ging, nachdem er sich seiner Uniform entledigt hatte, in Zivilkleidung durch die amerikanische Frontlinie. Er habe immer österreichisch gedacht, und Österreich habe er nie verraten, so Cerha.


Karl Rupitsch, Kriegsdienstverweigerer, versteckte sich monatelang mit anderen Deserteuren im Raum Goldegg, Salzburg. Die Ortsbevölkerung unterstützte die Fahnenflüchtigen, versorgte sie, deckte sie. Dann kamen die Gestapo und die SS. Eine Großrazzia mit 1.000 Mann riegelt das Almgebiet ab.


Rupitsch wurde gestellt, Mitstreiter erschossen, Ortsbewohner ermordet. Viele der Unterstützer kamen ins KZ, manche wegen eines Butterbrots, das sie den Fahnenflüchtigen zugesteckt hatten. Karl Rupitsch wurde im Oktober 1944 in Mauthausen hingerichtet. Genickschuss.


Seine uneheliche Tochter hat sich nun auf Spurensuche begeben. Für sie war ihr Vater alles andere als feig. Im Gegenteil. Widerstand, sagt sie, das war es.


Und all die vielen, die in den letzten Kriegstagen durch Standgerichte liquidiert wurden. In Weyer, in Hieflau, in Retz – überall. Hingerichtet von Landsleuten, ohne Verhandlung. Morden bis zum Schluss. Am 10. Mai 1945 – zwei Tage nach Kriegsende – wurde das letzte Todesurteil gegen einen Österreicher in Deutscher Uniform vollstreckt. Wegen Fahnenflucht.


Die Stigmatisierung der Ungehorsamen ist noch immer allgegenwärtig. Oft haben die Kinder oder Enkelkinder ihr Veto gegen ein Fernsehinterview mit den betagten Zeitzeugen eingelegt. Nur keine Öffentlichkeit, sonst wird im Ort wieder auf uns gezeigt, war da zu hören. Daher Respekt all jenen, die vor die Kamera gingen.

Fotos: Copyright by ORF

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