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Du sollst nicht töten!

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Leiden und Sterben an der Front

Auf Befehl Hitlers überschritten die Soldaten eine Grenze, unterdrückten die eigene Tötungshemmung, vernichteten, oft unter Einsatz des eigenen Lebens das Leben anderer – millionenfach, auf Befehl, aus Fanatismus, aus Hass, aus Angst ums eigene Leben. Die Männer, die ab 1939 zur deutschen Wehrmacht eingezogen wurden, waren mit der als „fünftes Gebot“ bekannten katholischen Moralnorm aufgewachsen: Du sollst nicht töten!


Buch und Regie: Robert Gokl
Kamera: Christian Mehofer
Ton: Christoph Grasser
Schnitt: Oliver Wendlinger
Tonmischung: Florian Camerer, Hermann Langschwert
Musik: Kurt Adametz

Eine Koproduktion von ORF und pre tv, gefördert durch CineStyria Filmkunst, Land Niederösterreich und „Zukunftsfonds der Republik Österreich“


Töten war Pflicht für die mehr als eine Million Österreicher im Zweiten Weltkrieg – oft anonym zu Tausenden, etwa als Bomberpilot oder Artilleriebeobachter – oft individuell, im Kampf Mann gegen Mann, in irgendeinem Schützengraben.


Während des Krieges, vor allem ab 1941 in den Kämpfen gegen die Rote Armee verkehrte sich dieser Grundsatz ins Gegenteil: Du musst töten! Die Brutalisierung der Männer war zentrales Ziel der NS-Ideologie – von der Schule über den Sport bis zum Krieg – immer sollten Gegner besiegt, niedergekämpft, ausgeschaltet werden. Kampf und Krieg wurden zum „Lebensziel“ erklärt.


Offen blieb für viele die Frage nach individueller Verantwortung und moralischer Schuld: Ist Töten erlaubt, wenn es befohlen wird?


Bei aller Brutalisierung durch Propaganda und Drill war der erste Tote, der erste selbst Getötete dennoch ein Schock, eine traumatische Erfahrung – auch für die, die sich freiwillig an die Front gemeldet hatten. Jeder Soldat musste selbst damit fertig werden: Strukturen und Mentalität der Wehrmacht ließen keinen Raum für Zweifel oder Schwäche.


Neben alten „Soldatentröstern“ wie Alkohol blieb nur der Militärgeistliche, um Zweifel und Bedenken zu besprechen. Aber auch der war oft von der Notwendigkeit des Tötens überzeugt, vor allem an der Ostfront, im Kampf gegen den atheistischen Bolschewismus. Nur wenige Soldaten weigerten sich standhaft – und für sie konnte es nur eine Strafe gegen: den Tod.


Viele Soldaten waren vom Befehl zu töten psychisch überfordert, viele versuchten es, wenn möglich, zu vermeiden. Vor allem an der Ostfront gehören Fälle von psychischen Erkrankungen oder Selbstmorden zur Kriegserinnerung vieler Soldaten. Für die, die weiter den Befehlen folgten, kam nach dem ersten Getöteten noch einer, noch viele, immer mehr. Viele stumpften ab, das massenhafte Töten und Sterben wurden zur „Gewohnheit“.


Je länger der Krieg dauerte, desto jünger und schlechter ausgebildet waren die Soldaten, die als Nachersatz an die Front kamen und im sinnlosen „siegreichen Rückzug“ in den Tod geschickt wurden. Die Wut und Verzweiflung der meisten Soldaten richtete sich aber nicht gegen verbrecherische NS-Generäle, sondern gegen den Feind.


Die letzten Reste an Humanismus und Menschlichkeit endeten oft in militärisch sinnlosen Racheaktionen. Je aussichtsloser die Lage wurde, je fanatischer Hitler den Kampf bis zum letzten Mann befahl, desto öfter mussten die Soldaten in Hinrichtungskommandos auch eigene Kameraden erschießen, für „Feigheit vor dem Feind“ oder Selbstverstümmlung.


Ärzte, Sanitäter und Krankenschwestern waren an allen Fronten als Lebensretter im Einsatz. Oft aber standen auch sie vor der Frage: Leben oder Tod? Wer konnte, wer sollte mit den beschränkten medizinischen Mitteln versorgt und am Leben gehalten werden? Wer musste aufgegeben werden? Und sollte den Unrettbaren das Ende, der Tod erleichtert werden? War im Krieg Sterbehilfe gerechtfertigt?


Hans Sucher, ein Gebirgsjäger aus Kärnten, ging für den Film auf eine lange Reise an den Ort seiner schlimmsten Kriegserlebnisse, nach Novorissiysk am Schwarzen Meer nördlich des Kaukasus.


Dort, im „Kuban-Brückenkopf“, machte er von April bis September 1943 seine ersten Kriegserfahrungen – bis zu einer lebensgefährlichen Verwundung durch Granatsplitter.


Auf den Schlachtfeldern, wo bis heute die Knochen der Gefallenen beider Seiten liegen, im Gespräch mit russischen Jugendlichen, die heute mit 17 Jahren so alt sind wie er damals, und bei einem Treffen mit einem der Feinde von damals, einem der letzten Veteranen der Roten Armee, versucht er, sich seiner eigenen Vergangenheit im Krieg zu stellen.


Hans Sucher und weitere Zeitzeugen sind heute, mehr als 70 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs erstmals bereit, in der Öffentlichkeit über ihre existenziellen Grenzerfahrungen im Krieg und die Folgen bis heute zu sprechen: Darüber wie es war, zu töten; wie es so weit kommen konnte; und wie es ist, weiter damit zu leben, gegen ein zentrales Gebot menschlicher Zivilisation verstoßen zu haben:
Du sollst nicht töten!

Fotos: Copyright by ORF

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